Erfahrungsberichte

Zwei unserer Gruppenmitglieder stellen sich und ihre Probleme dar und sie sind sehr unterschiedlich. Genauso unterschiedlich sind die Probleme von ADHS Erwachsenen wie deren Ausprägungsgrad:

 


 

Mein Leben mit ADHD

Ich heiße Claire, bin 26 Jahre alt und weiß seit Februar 2002, dass ich ADHD habe. Vermutet habe ich es seit August 2001, eine Bekannte, die selbst betroffen ist, hat mich auf die Idee gebracht. Zuerst wollte ich mir den Schuh nicht anziehen lassen. Schon wieder eine Baustelle, schon wieder etwas neues, schon wieder ein Erklärungsversuch für meine Unfähigkeit, Unzuverlässigkeit, Unaufmerksamkeit, die Fähigkeit, nichts durchziehen zu können, immer auf der Suche sein, immer das Gefühl haben getrieben zu sein, immer das Gefühl haben, den Ansprüchen anderer nicht zu genügen, immer das Gefühl zu haben wieder etwas vergessen zu haben, ich könnte die Liste endlos fortsetzten.

Da ich aber dann doch von Natur aus eine ziemliche Neugiernase bin, musste ich zumindestens mal darüber informieren. Über ADS/ADHD bei Kindern wusste ich ja durch einen Bekannten bescheid, aber dass es so was auch bei Erwachsenen geben würde?? Und die eine, die ich kannte, war ganz anders wie ich, eigentlich eher das genaue Gegenteil. Also verbrachte ich schlaflose Nächte vor dem PC und suchte und suchte, las und las, heulte und weinte und lachte und dachte irgendwie immer, komisch, die müssen mich alle kennen.

Meine Bekannte machte mich auf einen ADS-Erwachsenen-Kurs aufmerksam, den wir dann zusammen besuchten und uns endlich einmal verstanden fühlten und eigentlich auch nicht mehr so einsam, denn endlich gab es Frauen, denen es genauso ging.

Aber der Weg dahin war ziemlich lange und wird wahrscheinlich auch noch lange werden, aber um es positiv auszudrücken, als ADHD´lerin weiß man wenigstens, dass das Leben nie langweilig wird/ist. Und ein "Normalo" möchte ich auch nicht mehr sein, wie ich es früher so oft wollte, weil bei denen sah alles immer so einfach und glatt aus.

Meine Kindheit verlief relativ normal. Ich war immer ein Kind, dass ein paar Takte schneller wie die anderen lief. Laufen meistens nur im Laufschritt, toben, klettern, Rollschuhfahren, immer auf Achse. Kinderturnen, Gerätturnen, Ballett, später Leichtathletik, dreimal die Woche stand ich in der Turnhalle. Mein Glück war es auch, in einem abgeschlossenen Hof mit 11 anderen Kindern aufzuwachsen. Die meisten davon ältere Jungs, mit denen man sich herrlich austoben konnte. Das hat mich wahrscheinlich auch durch meine Grundschulzeit gerettet. In der Schule konnte ich relativ konzentriert zuhören, da ich mich nachmittags genügend auspowern konnte. Und dennoch kamen die unvermeidlichen Sprüche: "Sitz ruhig, halt still, zapple nicht so viel, sei doch mal ruhig, Vorsicht, das Glas......"

Meine kleine Schwester war das genaue Gegenteil. Ruhig, künstlerisch begabt, blond, alles das, was ich nicht war. Und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, gegen die ankämpfen zu müssen, meinen Eltern besser zu gefallen, ihnen zu genügen.

Soweit verlief auch die Grundschule ganz gut, die Noten waren gut, auch wenn ich nicht viel gemacht habe. Der Wechsel auf die weiterführende Schule war schon ein größerer Schritt. Auf einmal blieb nicht mehr so viel Zeit für den Sport, und ich hatte schon so manche Aufmerksamkeitsprobleme. Dadurch, dass ich einen festen Rahmen hatte, ging es aber, auch wenn ich Probleme bei den Hausaufgaben hatte, deren konsequente Durchführung, Vokabeln lernen, etc. Aber es lief, ohne dass sich irgendwer größere Gedanken gemacht hat. Ich selbst habe schon gemerkt, dass ich anders ticke, als andere. Immer auf dem Sprung, immer drei Gedanken zuviel im Kopf, immer auf der Suche, dass da doch noch was sein muss. Aber was? In der 8.Klasse erwischte es mich, ich blieb sitzen, nachdem ich einen riesen Krach mit meiner Klasse und der Klassenlehrerin hatte und einfach auf Stur geschaltet habe. Witzigerweise u.a. durch Französisch, dem Fach, in dem ich später mein Abi gemacht habe. In der neuen Klasse fühlte ich mich sehr wohl und der Rest der Schulzeit war klasse.

Ich immer einer der Kreativköpfe. Spiele, Ideen, Geschenkideen, wer was wollte, der fragte eben mich. Auch für kreative Lösungen irgendwelcher Probleme war ich meistens zuständig. Ich hatte auch immer eine Menge Freunde und eigentlich im zwischenmenschlichen Bereich ein ganz gutes Gespür für meine Mitmenschen.

Mit der Oberstufe kamen dann immer mehr Probleme auf. Wer bin ich ? Was will ich eigentlich? Warum bin ich mir immer so unsicher? Wie geht es weiter?

Nach dem Abi war ich für 3 Monate in den USA als Camp-Betreuerin. Danach habe ich eine Lehre als Zahnarzthelferin angefangen, die nach einem halben Jahr aber wieder abgebrochen. Und jetzt? Ich beschloss zu studieren und ab da ging es los. Uni?? So viele Leute? Und erst die Studienordnung und das kommentierte Vorlesungsverzeichnis. Angefangen habe ich ev. Theologie zustudieren. Aber nach der ersten Woche fiel mir auf, dass ich wahnsinnige Schwierigkeiten habe, mich zu konzentrieren. 1,5 Stunden einem Prof. zuzuhören? Mir Notizen zu machen UND noch kluge Fragen zu stellen?? Danach war der Tag für mich gelaufen und ich war fix und fertig. Nebenher jobbte ich noch, war Mitglied im Kirchenvorstand, in der Turnabteilung, war Übungsleiterin und hatte einen großen Freundeskreis. Zu viele Baustellen auf einmal. Nach einem Jahr ging ich in eine 100km entfernte Uni-Stadt, in der Hoffnung, da mehr Ruhe zu haben, um mich auch mein Studium zu konzentrieren. Aber auch hier dasselbe Problem. Auf einmal merkte ich, dass ich immense Organisationsprobleme hatte, wenn nicht jemand hinter mir stand und mich "kontrollierte", so wie in der Schule. Dieses Selbstaufraffen, Selbst kontrollieren, selbst in die Hand nehmen, dass war einfach zuviel für mich und schafft mir auch heute noch arge Probleme. Hinzu kommt, dass ich ein ziemlich psychosomatisch veranlagter Mensch bin, sobald es mir nicht gut geht, streikt mein Körper. Nach einem Jahr kehrte ich dann wieder in meine Heimatstadt zurück. Inzwischen hatte ich von reiner ev. Theologie gewechselt auf ev. Religion und Englisch als Lehrerin für Gymnasium. Und ich wurde in den Vorstand einer Sportorganisation gewählt, die mich zeitlich auch sehr einband. Ich bekam auf einmal ein massives Problem mit meinem Rücken und konnte drei Semester eigentlich kaum zur Uni gehen. Und immer wieder die Selbstzweifel, ob ich nicht zu unfähig bin, und immer der Rechtfertigungszwang vor anderen Leuten, insbesondere meinen Eltern. Warum hast Du schon wieder gewechselt, kannst Du nicht mal ´was fertig machen, immer brichst Du etwas ab. Warum triffst Du immer wieder Entscheidungen und schmeißt sie wieder um??

Und dann noch meine Zweifel, ob ein Studium überhaupt das Richtige ist, und wenn ja, welches, oder ob ich nicht lieber eine Ausbildung machen sollte?? Und warum es eigentlich nur mir so geht? Warum klappt bei anderen immer alles? Warum habe nur ich die Probleme mit der Orga, mit dem Konzentrieren und mit mir? Ein ewiger Kampf, bei dem ich selbst meistens auf der Strecke blieb. Mit dem Wissen von heute hätte ich einiges wahrscheinlich anders gemacht.

Aber es gab auch Lichtblicke. Eine Nachbarin hat mich immer und immer wieder mit Bachblüten behandelt und ich lernte meine beste Freundin kennen. Und machte die Erfahrung, dass es doch noch andere Menschen gibt, die ticken wie ich. Endlich jemanden, der mich blind verstand und meistens auch ohne Worte. Der sich in meinem Kopf-Chaos zurecht fand. Wo ich von Thema zu Thema hüpfen konnte, und sie hüpfte mit und schaute mich nicht blöd und fragend an? Welch eine Erleichterung.

Durch die Rückenverletzung und div. andere Sportverletzungen (irgendwie war ich schon immer eine Bruchpilotin und kenne div. Krankenhäuser ziemlich gut) fiel Sport immer mehr zurück. Außer das ich selbst als Übungsleiterin in der Halle stand, machte ich selbst nichts mehr. Ich mutierte durch mein Amt eher zur "Funktionärin". Aber auch hier gab es Probleme. War ich sonst immer ein Kreativer Mensch, der Ideen hatte, so versiegten sie hier, weil ich vor lauter Organisation, Terminen einhalten und Sitzungen nicht vergessen kaum mehr Zeit hatte. Und immer wieder der Selbstvorwurf zu versagen, nicht zu genügen. Und von allen anderen Leuten die Vorwürfe, ich solle mich konzentrieren, nicht so anstellen, mich endlich mal zu was zwingen. Und vor allem nicht zu verzetteln. "Nein" sagen gehört leider nicht zu meinen Stärken. Und immer noch die Sache mit dem Studium, die wie ein Stein auf mir und meinem Rücken lag. Was tun? Weiter, nicht weiter? Was sonst? Fragen über Fragen, Baustellen überall und ich wie ein Rumpelstilzchen mittendrin. Ich war nur noch am rotieren.......und grübeln und versuchen Lösungen zu finden und immer wieder die Löcher zu stopfen, die ich aufgerissen hatte, wenn ich wieder etwas vergessen, oder falsch gemacht habe. Ich fühlte mich innerlich total zerrissen.

Das Jahr 2001 war im gewissen Sinn das Jahr der Entscheidungen. Die erste Hälfte war schrecklich. Eine Großveranstaltung im Turnen lag vor mir, ich hatte aber noch nichts gemacht. Oft hatte ich so eine Art Duldungsstarre. Je mehr sich vor mir auftürmte, desto mehr klebte ich auf meinem Sofa und nichts lief mehr. Zwischendurch noch eine Nasen-OP, schnell wieder fit werden und weiter organisieren, Ideen bekommen, und auch noch das restliche Leben in den Griff zu bekommen, oder zumindestens nicht ganz ins Chaos entgleiten zu lassen. Und es kam, wie es kommen musste. 6 Wochen vor der Großveranstaltung legte ich mich für 10 Tage mit einem Hörsturz ins Krankenhaus. Krisenstimmung von allen Seiten. Die eine Seite: Du machst zuviel, konzentrier Dich auf das wesentlich, Stell Dich nicht so an.. "Die andere: mach´ daß DU gesund wirst, Du musst noch 1000 Dinge erledigen,

Und ich mitten drin. Habe mein innerliches Chaos von A nach B geschoben, mich selbst zerfleischt und bin überhaupt nicht mehr zur Ruhe gekommen. Dazu kamen permanente Rückenschmerzen über damals einen Zeitraum von 2,5 Jahren, durch Cortison, etc hatte sich ein Pilz entwickelt, der permanente Bauch- und Kopfschmerzen zur Folge hatte und Leute um mich herum, die an mir herumzerrten. Jeder wollte, dass ich kürzer trete, aber bitte nicht bei ihm.

Irgendwie brachte ich dann die Großveranstaltung über die Bühne und klinkte mich dann erst mal aus. Ich fasste den Entschluss, mein Amt dort aufzugeben, mit den größten Vorwürfen, versagt zu haben. Aber es ging nicht mehr. Heute bin ich froh darüber. Ich habe die Zeit, trotz allen Schwierigkeiten genossen. Leute kennen zulernen, neue Bereiche, neue Sachen auszuprobieren. Heute arbeite ich in mehreren Teams, bei denen ich kreativ sein kann, aber einer mir immer auf die Finger schaut, ob ich auch alle Termine, etc. Einhalte.

Tja, und immer noch die Uni-Frage. In Anbetracht mangelnder Alternativen beschloss ich weiter zu studieren. Allerdings ev. Religion, Deutsch und Sport auf Grundschullehramt. Wieder ein Wechsel. Wieder ging ein Aufschrei durch den Kreis meiner Lieben. Und dann kam meine Nachbarin/ Freundin und wollte mal ganz dringend mit mir über mich und mein Leben reden. Wieder jemand, der mir erklärt, was ich alles falsch mache? Das ich mich mal zusammen reißen soll? Nein danke, kein Bedarf...Und wochenlang ging ich ihr aus dem Weg. Bis sie mich erwischte und mich auf ADS brachte.

Mit dem Wissen dachte ich, dass ich ja jetzt, da ich weiß woran es liegt, die Uni ein Klacks für mich sei. Pustekuchen. Die sieben(!) kommentierten Vorlesungsverzeichnisse für meinen Stundenplan, daneben noch 3 Prüfungs- und Studienordnungen sind immer noch der Horror für mich. In einem Hörsaal mit 400 Leuten habe ich keine Chance. Und Durchhaltevermögen zählt noch immer nicht zu meinen Stärken. Zudem bin ich ein Mensch, der eine hohe Motivation und Kontrolle von außen braucht. An der Uni völlig unmöglich. Und nebenher immer noch eine Menge anderer Sachen, Kinderturnen, Sitzungen, Jobben, Babysitting, Freund in München.

Geld ist leider auch nicht so mein Thema. Rechnungen sind ein Greul, weil so was vergesse ich einfach. Auch hier werde ich wohl noch viel Lernen müssen.

Ich schaffe es ja noch nicht mal regelmäßig mich für Sport aufzuraffen. Und Einschreibungstermine werden immer noch gerne verpasst. Auch finde ich immer wieder frustrierend zu wissen, wo meine Schwachstellen liegen und trotzdem nichts tun zu können. Ich habe versucht, Ritalin zu nehmen, aber es hat nicht gewirkt, bzw. ich habe mich auch nicht wohlgefühlt damit.

Wie es mit der Uni weitergeht weiß ich immer noch nicht. Auf der anderen Seite macht mir die Arbeit mit Kindern sehr viel Spaß und ich Deutschland braucht mehr Lehrer, die etwas von ADS verstehen.

Für 5 Monate habe ich eine Verhaltenstherapie gemacht. Ich habe gelernt, Wochenpläne zu schreiben, ach wenn ich bei der Einhaltung immer noch so meine Schwierigkeiten habe. Aber ich habe viel über mich und mein Verhältnis zu meiner Familie, und meinen Mitmenschen gesprochen und so viele Sachen schon mal für mich abgehakt.

Seitdem ich weiß, dass ich ADHD habe, sehe ich viele Sachen bei mir sehr viel klarer. Meine Probleme bei der Organisation sämtlicher meiner Aktivitäten, Selbstdisziplin, Universität, Ordnung zu halten ( Wohnung aufräumen: am besten in allen Zimmern gleichzeitig), mich zu strukturieren. All das wird noch ein harter Weg, bis dass alles mal einigermaßen im Lot ist. Aber ich habe auch schon ein Stück weit gelernt, mich zu akzeptieren, dass ich eben so bin, wie ich bin, und nicht so, wie alle anderen mich haben wollen, oder wie ich meine, das sie mich haben wollen. Auch das Durchhaltevermögen will ich lernen. Im Moment fange ich echt Sachen an und dann?? Sei es Sport, von dem ich ja weiß, dass ich ihn brauche und dass sich dadurch vielleicht eine Menge Sachen leichter gestalten, sei es eine gesunde Ernährung, die genauso wichtig für mich ist, sei es die Uni. Das belastet mich mit am meisten.

Auch wenn ich oft genug immer noch am Verzweifeln mit mir selbst bin. Aber das wird schon werden.

Für mich ist das Wichtigste jetzt meine Zukunft zu planen, wie es weitergeht. Und mit mir selbst ins Reine zu kommen.

Wird schon alles gut werden und sich in die richtige Richtung entwickeln.

 


 

Erwachsene und ADS

In den letzten Jahren wurden viele neue Bücher über ADS veröffentlicht und zahlreiche Fortbildungen und Kongresse abgehalten. Wichtige und wertvolle Informationen wurden dort bekannt und weitergegeben.

Nur in den Medien und der Presse, hat man das Gefühl, zählen keine Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnisse. Warum werden oft nur die Ärzte und Eltern gezeigt die leider den falschen Weg gehen. Schlechte oder keine Diagnose, keine Ahnung von Verhaltenstherapie und Elternschule.

Einmal wünsche ich mir die Darstellung von Fällen aus der leider üblichen Realität.

Jahrelange Odyssee zu Kinderärzten, Erziehungsberatungen, Psychologen und Psychiatrischen Ambulanzen. Nur wenn man Glück hat, trifft man auf kompetente Ansprechpartner und findet Verständnis und Hilfe.

In der Gesellschaft trifft man allerdings auf massive Vorurteile und vorschnelle Verurteilungen. Niemand kann ernsthaft glauben, dass Eltern, die eine Erziehungsberatungsstelle nach der anderen aufsuchen, leichtfertig ihren Kindern Medikamente verabreichen.

Welche Gefahren (Suchtgefahren) entstehen, wenn ADS nicht behandelt wird, soll nun meine Geschichte erzählen. Natürlich anonym, zu meinem Schutze und dem der Kinder. So weit sind wir in Deutschland noch lange nicht, frei und offen über dieses Thema reden zu können. Vielleicht hilft diese Geschichte mehr Verständnis für die Probleme der Betroffenen zu wecken.

Meine Kindheit verlief wie bei vielen Kindern mit ADS. Eine 'bewegte Zeit' was für Mädchen mit ADS nicht typisch ist.

Ich möchte gerne in die Zeit der Ausbildung und des Berufslebens einsteigen.

Als Azubi und Arbeitskraft wurde ich von meinen Kollegen geschätzt, ich konnte anpacken, war schnell und zuverlässig und erfasste auch im größten Durcheinander worauf es ankam. So meisterte ich diese Zeit ganz gut und glaubte alles unter Kontrolle zu haben.

Heute ist mir nur noch in Erinnerung: Zettel, überall Zettel, Notizen und Gedächtnishilfen, um nur nichts zu Vergessen. Was in dieser Sekunde noch als lebensnotwendig gespeichert wurde, konnte in der nächsten Sekunde schon vergessen sein und zwei Tage später wieder ungefragt auftauchen. Dinge einzuteilen in wichtig und unwichtig gelang mir nicht. So wurde alles gesammelt, aufgehoben und viele, viele Hobbys mit Begeisterung angefangen, aber nie vollendet. In der Wohnung sammelten sich all diese Dinge und vieles mehr. Im Beruf gab mir der betriebliche Ablauf den Rahmen und die Struktur.

Zu Hause herrschte ein liebevolles Chaos ohne die Chance auf Besserung.

Schon in der Schule merkte ich, dass ich anders als die Andern war. Problemen ging ich nicht aus dem Weg, kontroverse Diskussionen suchte ich und Außenseiter fanden in mir ihren Robin Hood. Lücken und Schwächen im schulischen Bereich machte ich damit wett, ein Kämpfer für die Gerechtigkeit zu sein. Sprachrohr für alle Unterdrückten der Welt. Als Schul- und Klassensprecher fand ich meine Bestimmung, dies tat auch meinem Selbstbewusstsein gut. Wen interessieren schon Schulnoten. Nur Kleingeister und Angsthasen.

Aber vieles was ich als positiv wahrgenommen hatte war in Wirklichkeit gar nicht so. Als streitbare Kämpferin lebte ich als Außenseiter und musste mich nicht damit auseinandersetzen, warum ich zu keiner Gruppe gehöre. Meine scheinbare Autonomie war rückwirkend gesehen selbst gewählte Einsamkeit. Ich habe ganz genau gespürt: Es gibt keine Seelenverwandtschaft mit den Gruppenmitgliedern.

Ich denke, fühle und handele nach ganz anderen Grundsätzen. Und bevor ich Ablehnung erfahren konnte, habe ich mich davor geschützt, indem ich die Anderen als meiner nicht würdig deklassierte.

Was auch seinen Vorteil hatte. Die massiven und diskriminierenden Verletzungen, die meine Kinder erfahren mussten, blieben mir erspart.

Jedoch keine Strategie hat auf Dauer bestand, alles ist einem ständigen Wandel unterworfen. Als Erwachsener und im Berufsleben zählen andere Qualitäten.

Nun war Anpassung, Unterordnung, die eigene Meinung zurückstellen und Arbeiten nach Anweisungen gefragt. Doch so einfach war es nicht. Einen unruhigen Geist und Körper stellt man nicht so leicht still. Berufliche Misserfolge konnte ich nicht so einfach wegstecken wie die kleinen schulischen Niederlagen. Und womit sollte ich es kompensieren? Die Zeiten von Robin Hood und Co. waren vorbei.

Jedoch eine der wichtigsten Eigenschaften von ADS Menschen ist:

Bei all den Schwierigkeiten und Nackenschlägen die sie einstecken müssen, sie geben nicht auf. Jeder neue Tag ist eine neue Chance und nur so überlebt ein Mensch mit ADS. Und so habe auch ich mich über Wasser gehalten.

Nach außen hin war alles in Ordnung, jedoch Unruhe und Chaos in mir wuchsen.

Leider auch meine Ängste und das Bewusstsein, so gut wie du selbst glaubst, bist du gar nicht. Immer öfter fiel mir auf, das andere für die gleichen guten Leistungen, weniger Zeit und Kraft investieren mussten als ich. Für die Vorbereitung einer Unterrichtsstunde oder einer Unterweisung brauchte ich Stunden, ja Tage. Alles schien wichtig, alles relevant und am Ende war zuviel zusammengetragen. Die schnelle und in letzter Minute gemachte Zusammenstellung der Kurzfassung, war auch nicht besonderst gut. Soviel Arbeit, soviel Zeit umsonst investiert. Diese Eigenart aus kleinen Aufgaben oder Problemen unüberschaubare Berge zu inszenieren und vor diesen dann in völliger Regungslosigkeit zu erstarren, ist ein ADS spezifisches Problem, welches von anderen Personen in seiner Tragweite nicht nachvollzogen werden kann.

Im täglichen Leben bedeutet es, ständig auf Hochtouren und an seiner Leistungsgrenze zu agieren. Dies geht sehr lange gut und dann kommen Phasen der Erschöpfung. Das ständige Auf und Ab verlangte ein Ventil.

Mein Schicksal war, das ich irgendwann entdeckte (nicht bewusst), das Alkohol diesen inneren Unruhezustand merklich mindert. Was spricht dagegen am Abend ein Glas Wein oder zwei zu trinken? Mir ging es gut und schaden konnte es ja nicht. Und wieso sollte ich das Gläschen Sekt am Vormittag ablehnen? Uschi wird nur einmal 40. Alle anderen tranken ja auch bei jeder Gelegenheit. So wurde der Alkohol ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel meine Rastlosigkeit unter Kontrolle zu bekommen.

Ganz langsam machte sich jedoch ein anderes Problem in meinem Leben breit: Der Alkohol!
Ohne etwas zu trinken, konnte ich nicht mehr zur Ruhe kommen.
Immer öfter, verschrieb ich mir die selbst entdeckte Medizin.

Dazu kam das Gefühl als Mutter völlig und in jeder Hinsicht versagt zu haben.

Aber nach außen hin, musste ich die glückliche und zufriedene Mutter darstellen. Ohne meine zwei Freundinnen hätte ich die Zeit nicht überstanden. Wenigstens an einer Stelle außer zu Hause konnte ich mich offenbaren. Aus diesem Grund sind Selbsthilfegruppen so wichtig.

Die Lage spitzte sich immer mehr zu. Erste Rettung auf dem Weg aus der Katastrophe war: beide Kinder wurden diagnostiziert (ADS mit Hyperaktivität) Behandlung und Therapie folgten. Davor hatten wir natürlich den typischen Slalom durch die verschiedensten Institutionen und Ärztezimmer absolviert.

Vieles wurde leichter für die Kinder und unsere Familie. Aber mir ging es deshalb nicht automatisch besser, im Gegenteil. Ich erkannte, das auch ich Hilfe brauchte. Jeden Fortschritt in der Verhaltenstherapie oder bei Regelungen innerhalb der Familie wurden von mir begeistert aufgenommen (niemand macht schönere Pläne als ich) und spätestens nach zwei Tagen sind sie wieder vergessen, außer Kraft gesetzt oder als nicht durchzuhalten verworfen. Inkonsequenz ist mein zweiter Vorname und mein Dauergegner bei jeder Disziplin. Wo andere Menschen einfach nur handeln, kämpfe ich einen immerwährenden Kampf.

Meine eigene Unfähigkeit meinen Alltag und den der Kinder zu strukturieren und auch einzuhalten wurde immer offensichtlicher.

Das Ende der Elternschule für ADS Kinder nahm ich dann zum Anlass einen Psychiater aufzusuchen. Heute nehme ich Ritalin, habe eine Therapiegruppe besucht und bin in einer Selbsthilfegruppe.

Meine Probleme haben sich nicht in Luft aufgelöst, aber ich habe gelernt damit umzugehen und zu leben. Alkohol trinke ich nur noch, weil er mir schmeckt und zu besonderen Anlässen. Es hat fast ein Jahr gedauert bis die vielen kleinen täglichen Fortschritte auch für mich sichtbar wurden. Pläne die erstellt wurden, konnte ich auch einhalten. Schritt für Schritt ordnete ich meinen Haushalt und mein Leben. Unwichtige von Wichtigen Dingen zu unterscheiden, fällt mir auch heute nicht leicht, aber ich habe mir Prioritäten geschaffen und gelernt NEIN zu sagen. Diese Klarheit hilft mir auch im Umgang mit meinen Kindern.

Wichtig war es zu erkennen das ADS ein treuer Begleiter in meinem Leben ist und jeder Tag trotzdem lebenswert. Angst und bange wird mir nur wenn ich daran denke was alles geschehen wäre ohne die zum Glück noch rechtzeitige Hilfe und Behandlung für mich und meine Kinder. Suchtgefahr, schulischer Abstieg der Kinder, ein Familienleben am Rande der Verzweiflung. Dankbar bin ich allen Menschen die mir auf diesem Weg geholfen haben und weiterhin helfen.

Kindern und Erwachsenen die Hilfe zu verweigern die sie brauchen oder bewusst

Bedingungen zu erhalten die ihnen Schaden sind für mich unmenschlich und verantwortungslos.

 


 

Häufige Fehldiagnosen wie Depression oder Psychosen sind bei Frauen/Männern mit ADHS häufig. Leider gibt es noch wenige Anlauf- und Beratungsstellen für Erwachsene mit ADHS.

Es ist ein zäher Prozess in der Umdenkung und Auseinandersetzung von Psychiatern und Neurologen – im ICD 10 gibt es für Erwachsene eine solche Diagnose noch nicht. Es wäre aber dringend erforderlich!
In anderen europäischen Ländern wie England, Holland oder Norwegen ist dies Standard und in rechtliche wie gesundheitspolitsche Systeme miteinbezogen.

Esther Rohde-Köttelwesch

Verein zur Förderung wahrnehmungsgestörter Kinder